Singen und Solmisation

Warum Solmisation trägt

Wenn wir sprechen, erzeugen wir (grob gesagt) mit jeder Silbe einen Ton. Bei Fragen heben wir die Stimme am Satzende ein wenig an, ein Aussage bekräftigen wir durch Senken der Stimme. Wir betonen, beschleunigen, retardieren – die Sprachmelodie und  der Sprachrhythmus verdeutlichen und unterstreichen die inhaltliche Aussage der Sätze.

Wie ist es beim Singen? Melodie und Rhythmus eines Liedes versuchen, den Ausdruckscharakter des sprachlichen Inhalts zu unterstreichen und zu „überhöhen“, entwickeln dabei aber eigene „Gesetzmäßigkeiten“. Der Ambitus wird erheblich größer, die Rhythmik wird eingebettet in Metrum und Takt, eine Silbe kann auch auf mehrere Töne gesungen werden – und noch vieles mehr unterscheidet den gesungenen Text vom gesprochenen.

Insbesondere aber stehen die Töne in einem festen Verhältnis zueinander. Dadurch erhält die Melodie insgesamt ihre charakteristische Gestalt.

Die Strophen eines Liedes werden auf dieselbe Melodie gesungen. Wenn man sich für die „Melodie an sich“ interessiert, läßt man den Text weg und singt z.B. auf „dum-dum“, also dieselbe Silbe auf jeden Ton. Aber es sind doch verschiedene Töne! Das legt den Gedanken nahe, jeden dieser Töne mit einer eigenen Silbe auszustatten.

Dabei müssen wir zwei unabhängige Eigenschaften der Töne voneinander unterscheiden: die Dauer der Töne (Rhythmus) und die Lage der Töne (Tonhöhe). Für beide Dimensionen gibt es Silbensprachen. Für den Rhythmus konkurrieren vor allem die Silben der Kodaly-Schule mit denen von Edwin Gordon. Der Rhythmus ist in unserem Zusammenhang nicht das Thema.[1]

Do-Re-Mi-Fa-So-La-Ti sind die Namen, die sich zur Benennung der Töne bewährt haben. Das Singen auf diese Tonsilben heißt solmisieren. Die Herkunft des Wortes ist unschwer zu erkennen: Solmi zieht die Tonnamen Sol (so hieß früher mal So) und Mi zusammen und „….ieren“ drückt die Tätigkeit aus. Das Substantiv ist Solmisation.

Mit diesen Tonnamen kann man die Töne nicht nur dann voneinander unterscheiden, wenn man sie singt, sondern man kann über sie sprechen und man kann sogar damit denken, denn wir verbinden damit eine innere Vorstellung.[2]

Die meisten Melodien werden aus einem Tonvorrat von nur 7 Tönen gebildet, deshalb 7 Silben. Der Grundton einer Dur-Tonleiter bekommt den Namen Do, und von da aus ist die Skala klar (Re-Mi-Fa….bis zum eine Oktave höheren Do). La ist der Grundton einer natürlichen Mollskala und von La aus ist die Skala klar (Ti-Do-Re….bis zum nächst höheren La). Sie merken, wir sind schon mittendrin in der musikalischen Grammatik! To audiate (auditieren) nennt Edwin Gordon dieses Musik-Denken, das natürlich nicht ein Leben lang an die „Kindersilben“ Do-Re-Mi gebunden ist, aber mit ihnen gelingt leicht der Einstieg in „musikalisches Denken“.

Ist das wahr, gelingt der Einstieg leicht? Ja, denn es gibt einen entscheidenden Unterschied zu den Tonleitern, den Klaviertasten und der Notenschrift ist:

 Eine Melodie ist nicht an eine bestimmte Tonhöhe gebunden. Deswegen sollten es auch die Tonsilben nicht sein.

Nehmen wir als Beispiel das Lied „Twinkle twinkle little star“. Stellen wir uns die Melodie in einem 2/4-Takt notiert vor, dann heißt der Anfang in

  • C-Dur:         / C   C   / G   G  /  A  A  / G
  • D-Dur:        / D   D   / A    A  / B   B  / A      ( B=H)
  • Eb-Dur:      / Eb Eb / Bb Bb / C  C  / Bb

Von jedem der 12 Töne aus heißen die Töne anders. Die Melodie-Gestalt ist aber gleich!

 Eine Melodie ist wesentlich charakterisiert durch ihre Gestalt[3], nicht durch die Tonlage. Deshalb brauchen ihre Töne genau einen Namen.  

Damit lautet nämlich der Anfang des Liedes ganz einfach

  •       / Do Do / So So / La La / So

Mit Do-Re-Mi-Fa-So-La-Ti wird der Tonraum “überschaubar”, das kann man sich merken, das kann man sich vorstellen und die Vorstellung wird im Laufe der Zeit immer besser. Mit der Solmisation beschreiten wir einen Weg, den alle Kinder mitgehen können. Und es ist nicht so, daß die Minderheit derjenigen mit Instrumentalunterricht sich langweilt. Oft ist es so, daß sie jetzt erst anfangen zu „verstehen“.

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[1] Siehe z.B. Herbert Schiffels: Rhythmus-Training in der Reine Applaus, Klett Verlag

[2] Das ist durchaus vergleichbar mit der inneren „Zahlenvorstellung“. Die „5“ z.B. wird konkret, wenn es um 5 Autos geht oder 5 Blumen, die gemeinsame Eigenschaft von Autos und Blumen ist die Anzahl 5.

[3] GESTALT ist ein Begriff der Kognitionswissenschaften mit einer langen Tradition. Der Artikel „Gestalt-Psychologie“ in wikipedia gibt dazu einen kurzen Überblick.


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