Spielend lernen

Unsere Lieder enthalten die Grundstrukturen unserer Musik. Diese Welt der Töne eröffnet sich, wenn die Kinder Lieder zu singen lernen.

Wir haben tabDo vor dem Hintergrund der These entwickelt:

Wie Melodien funktionieren lernt man unbewusst am besten

Ist diese Behauptung bewiesen? Die Wissenschaft ist dabei, dies zu tun.

Zuweilen ist die wissenschaftliche Forschung sehr langsam darin, unsere intuitive Erfahrung mit kollektiven Begriffen zu objektivieren. Sie „hinkt hinterher“, und manchmal bestätigt Forschung das, was wir schon erahnten.[1]

Jedenfalls liegen sehr ermutigende positive Unterrichtserfahrungen vor. Und je mehr mit tabDo gearbeitet wird, desto mehr werden sich rund um diesen Ansatz weitere positive Erfahrungen anhäufen.

Unbewusst erlernt werden etwa das Sprechen unserer Muttersprache, kognitive Problemlösungsstrategien oder motorische Fähigkeiten wie das Greifen und das aufrechte Gehen. Allerdings lässt sich nicht alles unbe­wusst erlernen. Es gibt Kompetenzen, die nur dann erworben werden kön­nen, wenn unsere Aufmerksamkeit durch gezielte Instruktionen auf die einzelnen Lernschritte gelenkt wird. Dazu gehört zum Beispiel das Pro­zentrechnen oder das Binden einer Krawatte.

Natürlich stellt man sich die Frage, wo die Grenzen unbewussten Lernens liegen und warum es sie gibt: Liegt es an der Komplexität der Lerninhalte? Oder können wir bestimmte Arten von Kompetenzen prinzipiell nur im Zuge bewussten Lernens erwerben? Es gibt dazu derzeit nur wenig gesichertes Wissen und weitere Forschung ist wichtig.

Das Zitat stammt aus einem Interview des Bayerischen Rundfunks mit Prof.Dr.Elisbeth Stern und Dr.Ralph Schumacher von der ETH Zürich[2].

Ich bin überzeugt, daß „Melodie-verstehen-lernen“ dichter beim Sprache-und Sprechenlernen liegt als beim Erlernen der (oben im Zitat erwähnten) Prozentrechnung. Insbesondere finde ich Untersuchungen über den Erwerb einer zweiten Sprache im Kindesalter inspirierend.[3]

Und wenn man die Veröffentlichungen verfolgt, dann verdichten sich die Hinweise, daß der wenig beachtete Aspekt „Melodie“ auch beim Sprache-lernen eine erhebliche Rolle spielt. Möglicherweise deutlich mehr als bisher vermutet:

Babys lernen sprachliche Regeln anscheinend vollautomatisch: Wie Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften herausfanden, erkennen Säuglinge linguistische Regeln – und zwar auch komplexe Prinzipien, die vielen Erwachsenen nicht auffallen. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist offenbar die Fähigkeit der Kleinen, Tonhöhen genau zu unterscheiden.[4]

tabDo ist eine App, also ein digitales Werkzeug. Hightech, um unbewusstes kindliches Lernen auszulösen? Passt das zusammen?

2012 erschien das Buch „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ von Manfred Spitzer. Der Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm löste mit seinen Thesen heftige Debatten aus und viele Wissenschaftler widersprachen seinen Thesen energisch.[5] Inzwischen ist es ruhiger geworden und niemand bestreitet mehr, daß die neuen Medien bei sinnvoller Nutzung tatsächlich neue und großartige Perspektiven für das Unterrichten eröffnen.

tabDo ist eine App für den Musikunterricht mit der Zielgruppe Grundschulkinder.

Ich behaupte: Kinder können Melodien komponieren! Ohne Notenschrift und auch wenn sie kein Instrument spielen! Wenn sie viel singen und viele Lieder kennen, dann lernen sie unbewusst auch, wie „Melodien funktionieren“. Und wer eine Melodie komponieren kann, der versteht etwas von Musik, auch wenn ihm die Theorie dazu nicht bewusst ist. Nichts gegen Theorie – aber später. Damit ist skizziert, worum es im Folgenden gehen wird: Musik-lernen ohne Umwege und ohne theoretischen Ballast.

Die App tabDo ist das Hilfsmittel dazu. (Das Akronym entstand aus tablet und DoReMi) tabDo ist kein „game“. tabDo ist auch kein Automat, der auf Knopfdruck tolle Rhythmen zu raffinierten Akkordfolgen erzeugt.

tabDo kann für den Musikunterricht so etwas sein wie Zirkel und Lineal für den Mathematikunterricht oder der Farbkasten für den Kunstunterricht, sozusagen ein „Tonkasten“.

Zirkel? Ist das nicht eher ein Sinnbild für Geometrie und bewusstes Lernen?
Kirchenfenster 2Wir sind in Klasse 5, die Kinder sollen mit Zirkel und Lineal, Bleistift und Papier ein gotisches Kirchenfenster nachzeichnen. Sie schauen sich das Fenster sehr genau an, sie denken sich Hilfslinien, „durchschauen“ das eine oder andere Prinzip und kommen „irgendwie“ zum Ergebnis. Die Kinder brauchen dazu keine detaillierte Anleitung. Im Gegenteil, durch probieren, überlegen, genau hinschauen – durch LEARNING BY DOING lernen die Kinder besonders gut und intensiv und nachhaltig. Was ist dabei bewusst, was ist unbewusst?

Bewusstes Lernen, unbewusstes Lernen, beiläufiges (incidental) Lernen – was das genau sein soll, was auf welche Weise wie gelernt wird, das ist wissenschaftlich nicht geklärt und lässt sich vielleicht auch gar nicht klären. Dazu nochmal Ralph Schumacher:

Viele psychologische Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass man unbewusstes Lernen gar nicht analysieren kann und dass man vor allem auch immer noch nicht weiß, ob das Lernen nun immer Bewusstheit erfordert oder nicht. Die Klärung dieser Probleme ist äußerst wichtig, etwa für die Arbeit des Lehrers in der Schule: Wenn er genau weiß, was die Schüler nur bewusst erlernen können, dann hat das Konsequenzen für die Vermittlung des Stoffs.[6]

Unbewusst, halb bewusst – wie man das Lernen mit tabDo einstuft, spielt für die Unterrichtspraxis keine Rolle.

Der Mathematiker René Thom (Träger der Fields-Medaille 1958) sagt: „Der einzig denkbare Weg, um das Innere einer Black Box aufzudecken, ist, damit zu spielen.“ In diesem Sinne meine ich:

Der beste Weg Melodien „zu verstehen“ ist, mit ihnen zu spielen.

[1] Stadler Elmer, KIND UND MUSIK. Kapitel 7.1

[2]http://www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/23_2010_1/

[3] Sehr angeregt hat mich: Klaus Müller, „Lernen im Dialog. Gestaltlinguistische Aspekte des Zweitsprachenerwerbs“.

[4]http://www.spektrum.de/news/babys-durchschauen-grammatikregeln/1164494

[5] Hier einige Beispiele: 2.01.2013, ®www.welt.de › Wissen › Gesundheit / 10.09.2012,®www.faz.net › Feuilleton › Debatten/2.01.2015, ®www.spiegel.de › Wissenschaft › Mensch › Cloud Computing

[6]http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/swr2-wissen-aula-pauken-wie-im-schlaf/-/id=660374/did=1956126/nid=660374/1wh7jlq/index.html   Auf der Seite gibt es auch das Manuskript zum download


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