Singen – und dann?

Singen – und dann? Leider meistens der dritte Schritt vor dem zweiten

 Die Lieder stehen in den Liederbüchern mit Text und Noten. Da liegt der Gedanke nahe, daß die Kinder zum Singen die Notenschrift erlernen sollten, so wie sie zum Sprechen das Lesen und Schreiben lernen. Leider ist dieser Analogieschluss falsch!

Die Schrift macht keine Angaben·         zum Tempo des Vortrags·         zur Lautstärke des Vortrags

·         zur Rhythmisierung des Vortrags

·         zur Tonhöhe des Vortrags

Die Notenschrift·         gibt Hinweise zum Tempo des Vortrags·         gibt Hinweise zur Lautstärke des Vortrags

·         legt den Rhythmus genau fest

·         legt die Tonhöhe genau fest

Tempo und Lautstärke sind problemlose Parameter und die Notation des Rhythmus ist leicht zu verstehen.[1] Die Tonhöhe hingegen ist ein so großes Problem, daß man sich beim Musikstudium semesterlang damit beschäftigen muß, um fit zu sein für die Abschlussprüfung im Fach Schulpraktisches Klavierspiel. „Das Lied ist notiert in D-Dur. Es ist früh am Morgen, den Kindern ist das zum Singen um diese Zeit noch zu hoch. Spielen Sie bitte in Db-Dur“. Dieser Art sind die gefürchteten Aufgaben. Die Melodie ist dieselbe, egal in welcher Tonart. In der Terminologie der Kognitionswissenschaft ausgedrückt ist eine Melodie eine transpositions-invariante GESTALT. Nur die Lehrerin am Klavier transponiert!

Also sollte beim Musik-lernen der zweite Schritt nach dem Singen nicht die an Tonarten gebundene Notenschrift sein mit den aus dem Alphabet gebildeten Benennungen C, Cis=Des, D, Dis=Des, E und so weiter. Erstmal brauchen wir eine transpositions-invariante Benennung der Töne; genau das leistet die Solmisation mit ihrer transpositions-invarianten Benennung der Töne Do Re Mi und so weiter. Solmisation ist sachlogisch der zweite Schritt. [2] Die Festlegung auf bestimmte Frequenzen (=Noten= Chromatik) kommt danach.

[1] Siehe z.B. Herbert Schiffels: Rhythmus-Training. Musikmachen im Klassenverband. Ernst Klett Schulbuchverlag
[2] Bitte beachten Sie: ich spreche nicht vom Instrumentalunterricht. Um ein Lied auf einem Instrument zu spielen, muß ich mich für eine bestimmte Tonart entscheiden und das dann üben. Beim Singen spielt diese Überlegung keine Rolle. „Man singt einfach“ – ohne ein Bewusstsein, ob das jetzt Eb-Dur oder C-Dur ist.


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