Hören – Sehen – Tasten – Solmisation

Ob ein Mensch ein Lied schön oder richtig singt, darum geht es im Folgenden nicht. Sondern darum, daß jeder Mensch ein Lied singen kann, sagen wir z.B. „Alle meine Entchen“ – und daß das mit der Notenschrift gar nichts zu tun hat. Wir können uns Texte merken, die wir nur gehört haben. Und genau so können wir uns eine damit verbundene Melodie merken. Modern ausgedrückt: das Gehirn besitzt eine Repräsentation von „Alle meine Entchen“ und kann das Lied jederzeit aktivieren.

Jemand, der das Lied z.B. auf einer Flöte oder Geige gespielt hat, kann eine zweite Repräsentation aktivieren, nämlich die motorischen Bewegungen auf der Flöte oder Geige.

SOUND BEFORE SIGN ist der „natürliche“ Weg der Melodien in den Kopf. Aber als „Speicher“ und „Transportmittel“ ist die Schrift „natürlich“ unverzichtbar. So kann z.B. ein Japaner, der Noten lesen gelernt hat, die Notation in Sound zurück „übersetzen“ und so das ihm zuvor unbekannte deutsche Kinderlied „Alle meine Entchen“ lernen.

Aber es muß nicht die „normale“ Notenschrift sein. Für blinde Menschen gibt es eine Blinden-Notenschrift. Blinde lernen das unbekannte Lied durch Tasten.

Der Erfinder der Blindenschrift Louis Braille (1809-1852), der selbst Orgel spielte, erfand auch eine (mittlerweile international standardisierte) Blinden-Notenschrift.

Der Anfang von „Alle meine Entchen“ z.B. sieht für Sehende so aus, während Blinde die Erhebungen auf dem Papier tasten:Bild1Bild2Das System ist einfach: Mit den 4 oberen Punkten lassen sich bequem 7 Kombinationen herstellen, ausreichend also für eine Tonleiter. Mit den beiden unteren Punkten wird der Notenwert mitgeteilt. Am Anfang eines Stückes gibt es Hinweise auf Taktart und Tonart und die Oktave, in der sich die Töne bewegen. Im Detail finden Sie das unter  http://www.fakoo.de/braille-music.html

Aber darum geht es hier nicht. Es geht mir hier wie schon so oft um das Prinzip

SOUND BEFORE  SIGN

An Stelle der konventionellen Notenschrift für das SIGN kann genauso gut ein anderes System stehen, z.B. dieses Tastsystem. Primär ist aber das Klingende (Sound) und Solmisation klingt, denn wir singen die Tonsilben. Mit Solmisation ist man unmittelbar dran am Tönenden.

Jede Transformation der Töne in ein anderes, nicht hörbares (!) System ist sekundär. Leider wird das in der Pädagogik oft vergessen und das Prinzip wird sogar umgedreht: Sign before Sound. Kein Wunder, daß SchülerInnen sich frustriert abwenden!

 

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