Verträgt sich relative Solmisation mit einem absoluten Gehör?

Immer mal wieder taucht in Diskussionen über das Für und Wider der relativen Solmisation die Frage auf: „Und was ist mit den Absolut-Hörern?“

Bevor wir die Frage erörtern, wie ist denn die zahlenmäßige Dimension?  0,01% der Bevölkerung in Europa und Nordamerika haben das absolute Gehör. Diese Zahl wird immer wieder genannt und ich denke, daß die Angabe stimmt, denn auch der Musikmediziner Prof. Altenmüller (Musikhochschule Hannover) nennt diese Zahl, z.B. in einer Sendung des Bayrischen Rundfunks. [1]

0,01%, heißt: eine Person von 10 000 hat absolutes Gehör; oder 8 000 Menschen in Deutschland haben es.

Das bedeutet: wenn ein Gymnasium z.B. jedes Jahr 100 neue Kinder bekommt und die Lehrer prüfen, ob Kinder mit absolutem Gehör dabei sind, dann müßte dieses Team etwa 100 Jahre lang unterrichten, um einmal 1 Kind mit absolutem Gehör dabei zu haben. Eine Lehrerin muß also gar nicht damit rechnen, jemals ein Kind mit absolutem Gehör in der Klasse zu haben. Damit erledigt sich die Frage vorab schon, ob man mit Rücksicht auf die Absoluthörer auf die relative Solmisation verzichten sollte.

Aber verweist die Frage überhaupt auf ein „Problem“? Was soll denn Menschen mit absolutem Gehör an der relativen Solmisation stören? Oder was soll sie gar behindern?

Den Inhalt einer gesprochenen Aussage verstehen wir unabhängig von Tonhöhe, Lautstärke, Klangfarbe und Sprachrhythmik. Wenn heute die Lehrerin auf ihre Art fragt: „wieviel ist 3+5“ und morgen fragt dasselbe der Rektor mit männlicher Stimme (weil er die erkrankte Lehrerin vertritt), ist das dann eine andere Frage?

Wenn die Klasse ein Lied lernt und die Lehrerin begleitet auf der Gitarre in E-Dur und am nächsten Tag begleitet der Rektor auf dem Klavier in Eb-Dur, wird dann ein Kind sagen: “Das ist ein anderes Lied“?

1 von 10 000 Kindern könnte sagen: „gestern haben wir das Lied einen halben Ton höher gesungen“. Aber damit würde es nichts anderes ausdrücken als: “die Lehrerin hat gestern 3+5 höher gesprochen“. Den Inhalt der Rechenaufgabe und die „Melodie an sich“ betrifft die andere Tonhöhe nicht.

Das „Inhaltliche“ einer Melodie, die Melodie-Gestalt ist der entscheidende Grund für das relative Solmisieren. Mit den Solmisationssilben erfassen wir die „Melodie an sich“.

Wenn Absoluthörer von Problemen berichten, dann hat das mit der Notenschrift zu tun. Ein Absoluthörer koppelt das optische Signal „eingestrichenes a“ mit der Tonhöhe 440 Hz.

Dann könnte es diesen Absoluthörer in der Tat verwirren, wenn er a liest und die Melodie einen halben Ton tiefer erklingt. Wenn das aber wirklich ein ernst zu nehmendes Problem wäre, dann könnte dieser Absoluthörer niemals Klarinettist werden. Denn das notierte a klingt auf der Bb-Klarinette immer wie g und auf der A-Klarinette wie ein fis. Entsprechendes gilt für alle transponierenden Instrumente.

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage ist also: relative Solmisation und absolutes Hören vertragen sich durchaus. Es gibt vielleicht vorübergehende „Super-Spezialprobleme“, die wir aber für den pädagogischen Alltag nicht bedenken müssen.

Wie beim gesprochenen „3+2“ geht es beim gesungenen Do Re Mi um Inhalt, das heißt die Melodie-Gestalten. Die absolute Tonhöhe des Gesprochenen oder Gesungenen spielt dabei keine Rolle.

[1] https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/absolutes-gehoer-hoeren-100.html

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