Solmisation hilft

  • Sie hören chinesisch und verstehen – nichts.
  • Sie hören avantgardistische Musik und verstehen – nichts.
  • Sie machen eine Fahrradtour, kommen nachmittags an einer Dorfkirche vorbei, die gerade 3 Uhr schlägt – und verstehen!

Was heißt: Sie verstehen?

Sie hören die Glocken viermal die gleiche Tonfolge für jedes Stundenviertel schlagen und dann kommen drei Schläge für die volle Stunde. Sie merken sich die Tonfolge und Sie können die Töne exakt benennen. Sie könnten einem Freud in Sidney mailen:
viermal Do So La Mi und dann dreimal La.
Damit ist die Glockenmelodie eindeutig beschrieben. Der Freund in Sidney könnte nun die Melodie exakt singen.

Kognitionsforscher beschäftigt die Frage, ob und wie Worte unsere Denkvorgänge und Vorstellungen prägen. Viele Untersuchungen dazu wurden im Bereich der Farbwahrnehmung gemacht. Es gibt z.B. Sprachen, die nicht zwischen „blau“ und „grün“ unterscheiden. Man konnte nachweisen, daß das subjektive Empfinden für den „grün-blau-Bereich“ tatsächlich davon beeinflußt wird.[1]

Natürlich hören wir akustisch auch das, was wir nur ein wenig oder gar nicht verstehen. Worte helfen weiter. Worte sensibilisieren die Aufmerksamkeit. Indem wir immer feinere Begriffe bilden, können wir die Aufmerksamkeit immer feiner justieren. Und das öffnet unsere Wahrnehmung – auch für immer neue Aspekte, die wir dann mit weiteren Worten genauer bezeichnen.

Genau diese Verfeinerung der Wahrnehmung setzen wir in Gang, wenn wir mit den Kindern Melodien „genauer unter die Lupe“ nehmen und die Töne mit Solmisationssilben benennen. Wenn wir dann nach einem gewissen Training eine gute Tonvorstellung aufgebaut haben, dann können wir die Töne „verorten“ und z.B. so die Glockenspielfigur „verstehen“.

Sie können dann zwar nicht sagen, ob die Glockenspielmelodie in Tönen der F-Dur oder Ab-Dur-Tonleiter erklang, aber das ist extremes Spezialisten-Können. Die wenigstens Berufsmusiker könnten das. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn die Melodie-Gestalt ist mit Solmisationssilben eindeutig „in Worte gefaßt“.

Also kurz: SOLMISATION HILFT.

[1] Beeinflusst Sprache unser Denken? – Spektrum der Wissenschaft

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