Kognition, Solmisation und aufbauender Unterricht

Stellen wir uns eine erste Klasse vor, 4 Wochen nach Beginn des Schuljahres:
Die Lehrerin singt den Kindern das Lied Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt `ne kleine Wanze vor. Schon beim zweiten Mal singen einige Kinder mit und nach kurzer Zeit können es alle.
Dann erklärt die Lehrerin die Pointe dieses Liedes, daß nämlich in jeder Strophe ein Buchstabe weggelassen wird, bis die Worte „Wanze“ und „tanzen“ ganz verschwunden sind. Also: Wanze/tanzen  – Wanz/tanz – Wan/tan – Wa/ta – W/t – an der Stelle gar nichts singen.

Das zu realisRh Me Fo Text 4Eckieren ist eine enorme Leistung – und die Kinder bewältigen sie mühelos!
Wie ist das möglich?
Das ist möglich, weil Melodik (das Auf und Ab der Töne), Rhythmik, Form und der Text als Einheit wahrgenommen werden.

Musikpädagogik gibt sich aber nicht damit zufrieden, daß die Kinder Lieder lernen. Musikalische „Bildung“ ist mehr und dabei spielen rhythmische und melodische „Basiskompetenzen“ die Hauptrolle. Um die Basiskompetenzen zu entwickeln müssen die Aspekte Rhythmus und Melodik isoliert werden. Das bedeutet:

Man muß die Einheit (von Melodik, Rhythmik, Form und Text) „aufbrechen“.

Ein gefährlicher Prozeß, denn die Kinder werden das als Übergang in „graue Theorie“ erleben, weil sie keinen Zusammenhang mit „richtiger“ Musik erkennen. Kinder können an dieser Stelle nicht detailliert artikulieren, was sie nicht verstehen oder welche Zusammenhänge sie nicht erkennen, sie sagen einfach nur: „Musikunterricht macht keinen Spaß.“ Diese Aussage ist als Alarmzeichen zu werten!

Das beste Mittel bei diesem „Aufbrechen“ ist Solmisation. Damit bleibt man nah an den Liedern dran. Denn das Lied einfach auf Rhythmussilben oder auf Melodiesilben zu singen ist so wie wenn man eine neue Strophe singt.
Dabei reicht es völlig, nur eine Passage des Liedes zu nehmen, z.B. den Anfang von Auf der Mauer, auf der Lauer. Das klingt dann so:
rhythmisch:   Du  de  Du  de  Du  de  Du  de  Du  de  Du  de  Du      Du  (Gordon-Silben)
melodisch :   Do  Do Do  Re  Mi  Mi Mi  Mi Re  Do Re  Mi  Do      Do

Daran lassen sich leicht kurze Lernphasen mit rhythmischen Etüden anschließen. Wenige Minuten nur, denn – siehe oben – wir befinden uns in den ersten Monaten des ersten Schuljahres.
Im Laufe der Zeit entsteht so ein rhythmisches und melodisches Vokabular, weil sich „im Kopf“ der Kinder Prozesse abspielen, die Kognitionswissenschaftler zu entschlüsseln versuchen, die wir aber noch nicht genau verstehen. Für Pädagogen reicht zu wissen, was „Kindergarten heute“ so beschreibt: das sind „Vorgänge im Gehirn, die auf einer höheren Ebene verarbeitet werden: Aufmerksamkeit, Erinnerung, Lernen, Erkennen, Vergleichen, Nachdenken, Problemlösen, Kreativität, Entscheiden oder Planen, Orientierung.“[1]

Mit dem sich aufbauenden rhythmischen und melodischen Vokabular befinden wir uns am Anfang eines wirklich aufbauenden Musikunterrichtes.

[1] https://www.herder.de/kiga-heute/fachbegriffe/kognition/

 

 

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