Aufbauender Unterricht und „selber Melodien produzieren“ – vor 60 Jahren!

„…..dass die aktuelle Neurowissenschaft auf dem Gebiet der praktisch-pädagogischen Erfahrung bisher nicht mehr herausgebracht hat, als erfahrene Pädagogen schon wussten.“[1]

An diesen Satz mußte ich denken, als ich kürzlich eher zufällig in der Bibliothek auf ein Buch des Schweizer Musikpädagogen Rudolf Schoch stieß mit dem Titel: Musikerziehung durch die Schule (Verlag Raeber &Cie., Luzern, 2. Auflage 1958).

In diesem Buch sind alle wesentlichen Gedanken zum „relativen Tondenken“ konzentriert zusammen gefaßt. Und weil sich der Einstieg in die Musikerziehung so überzeugend, ja geradezu zwingend über die Solmisation anbietet, schreibt Rudolf Schoch optimistisch (Seite 47):

daß mit der Zeit zwischen den verschiedenen Schulstufen eine Einigung über die Lehrziele in der Art erfolgen wird, daß die Einführung der Buchstabenbezeichnung hinausgeschoben, auf der Primarschulstufe (1.-5. oder 6. Klasse) dafür um so gründlicher nach Tonika-Do gearbeitet wird. In den obern Klassen kann dann ein wirklich neuer Stoff auf einer soliden Grundlage vermittelt werden.

Leider sind wir weit davon entfernt. In den pädagogischen Modewellen taucht die Solmisation immer mal wieder auf und dann wieder ab. Zur Zeit hat sie unter dem Motto „Aufbauender Unterricht“ keinen schlechten Stand. Aber die eingefahrenen Strukturen bewirken, daß weder Professoren noch Lehplankommissionen über schlüssige Konzepte vom Kindergarten bis zum Abitur „aus einem Guß“ nachdenken.

Sogar das Verhältnis von „Nachschaffen“ und „Neuschaffen“ ist bei Rudolf Schoch schon genau so thematisiert, wie es empirische Forschungen der letzten Jahre bestätigt haben (Seite 96ff):

Kinder stecken voller Melodien…..
Das kleine Kind begnügt sich für seine Weise manchmal mit wenigen Tönen. Diese werden rhythmisch verändert. Motive umgekehrt, vielerlei Texte werden der gleichen Tonfolge unterlegt. Bald sind die kleinen Wendungen selber erfunden, bald sind sie wörtlich oder ungefähr bekannten Kinder- und Volksliedern entnommen. Jugendliche und Erwachsene zehren bei ihren Improvisationen von all dem, was sie bewußt und unbewußt an Melodien bereits gehört und in sich aufgenommen haben. Immer aber sind sie guter Laune und in bester Stimmung, wenn sie so von innen heraus frei gestalten. Viele würde es kaum glauben, wenn man ihnen sagte, daß sie eben `komponiert`haben. Ja, sie würden steif und fest behaupten, so etwas könnten sie gar nicht. In Wirklichkeit sind aber alle dazu fähig….. Die heutigen Musikerzieher stellen die Erfindungsübungen bewußt in den Dienst ihrer Arbeit. Sie gehen dabei von dem Gedanken aus, daß der Mensch nur dann zu einer allseitig harmonischen Entwicklung gelangt, wenn er aufnehmen, verarbeiten und wieder ausgeben kann. … Das Arbeitsprinzip, das sich mehr und mehr auch im Musikunterricht durchsetzt, findet in der Pflege der Erfindungsübung seinen schönsten Ausdruck.

Ich nenne das „Mit Melodien spielen“.

Fast schon nicht zu glauben, wie weit das Anfang der 1950-er-Jahre ging:(Seite 103)

Das Züricher „Pestalozzianum“ hat 50 Melodieanfänge und 52 kurze rhythmische Figuren an zig Schulen verschickt und dazu 7 Vierzeilige Gedichte. Das wurde dann in den Klassen vertont und die Ergebnisse begutachtet. Sicher nicht nach heutigen Statistikstandards. Sicher auch ohne sicher zu sein, daß nicht einige Lehrer das einfach selber ausgefüllt haben oder den Schülern über Gebühr geholfen haben. aber vom Grundgedanken her: perfekt.

s Schoch Seite 81Im Buch sind etliche Bilder abgedruckt, und man sieht deutlch: das war eine andere Zeit, geradezu eine andere Welt! Aber sind wir heute pädagogisch weiter?

Ich wüßte zu gern, was Rudolf Schoch zur app tabDo sagen würde. Ich denke, daß er gesagt hätte: „damit hätte ich meine Unterrichtsziele noch viel besser erreichen können, weil mit tabDo jedes Kind sein eigenes feeback-Gerät hat.“

 

[1] In Neurowissenschaften und Musikpädagogik von Ludger Kowal-Summek (2017),Seite 88

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