Wenn SOUND before SIGN, dann auch Solmisation

Stellen Sie sich einen musikpädagogischen Kongreß vor. In der Eröffnungsrede vor 300 Teilnehmern sagt der Referent:
Folie des Referenten 1Zuerst sprechen und verstehen die Kinder, und dann lernen sie in der Grundschule lesen und schreiben. Eine klare, natürliche Reihenfolge. So sollte es auch mit dem Musikunterricht sein. Noten lesen hat nur dann Sinn, wenn damit eine musikalische Vorstellung verbunden ist.
Die Aussage untermalt er mit einer Folie, und dann fordert der Referent als grundsätzliches Prinzip SOUND BEFORE SIGN. Alle nicken zustimmend und applaudieren.

Die Realität ist allerdings allzu oft anders. „Schreibe unter die Noten die Notennamen“, so lautet die Aufgabe in vielen Tests, z.B. in Klasse 5 eines Gymnasiums.

„Die Note auf derblog C-Dur zweiten Linie heißt g, wenn man ein # davor schreibt wird sie einen halben Ton höher und heißt gis………“ Das ist leicht zu lernen.
Wenn unter allen Noten der richtige Name steht gibt es ein „sehr gut“. Kinder und Eltern sind zufrieden, denn wer beschwert sich schon über ein „sehr gut“, auch wenn es eine eigentlich sinnlose Aufgabe war.

Die meisten Kinder können sich die notierte Melodie nicht vorstellen. Also ist Aufgabe im Sinne des Referenten sinnlos.

Zur Illustration des Gemeinten lesen Sie bitte den folgenden Text:
Ĉiuj homoj estas denaske liberaj kaj egalaj laŭ digno kaj rajtoj. Ili posedas racion kaj konsciencon, kaj devus konduti unu al la alia en spirito de frateco.
Sie erkennen die Buchstaben, Sie können auch die Worte lesen, und hier und da ahnen Sie auch, was ein Wort bedeuten könnte. Z.B. „homoj“ klingt doch nach homo=Mensch; oder „liberai“ klingt irendwie nach liberal. Aber im Ganzen können Sie sich nicht vorstellen, was das bedeuten soll.

So in etwa fühlen sich die meisten Schülerinnen und Schüler, wenn sie Noten lesen.

Die Sprache „hinter“ den Zeichen ist Esperanto, und wenn Sie den Artikel 1 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte auf Deutsch geschrieben sehen, verstehen Sie jedes Wort: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.
Bitte lesen Sie diese Noten.
Blog A DurFür Sie ist klar erkennbar, daß die selbe kleine Melodie dargestellt wird wie oben, nur diesmal in A-Dur statt in C-Dur. Sie können sich die Melodie auch vorstellen und summen. Aber in welcher Tonart summen Sie dann? Vielleicht in F-Dur? Oder F#Dur? Sie werden es selber nicht wissen – und es ist auch völlig egal.

Beim genauen Hinsehen würden auch viele Schüler auf die Idee kommen, daß es sich um dieselbe Melodie handelt. Aber wie viele Schüler können sich die Melodie vorstellen?

Kindergartenkinder würden hörend (Sound before Sign) ohne weiteres feststellen, daß es sich um dieselbe Melodie handelt. Was ist nun der nächste Schritt, wenn in der Grundschule der Musikunterricht beginnt? Wir wollen die Töne genauer unterscheiden!
Folie des Referenten 2Wenn es sich um dieselbe Melodie handelt, dann sollte es doch auch zur Wahrnehmung eine passende eindeutige Zuordnung und Benennung der Töne geben! Die gibt es auch: Die Melodietöne heißen Do Mi Re So La Ti Do. Damit sind wir bei der SOLMISATION. Die Solmisation ist der kindgerechte und auch sachlogisch erste Schritt. Die Notenschrift mit ihrer Buchstabenbenennung der Töne ist der zweite Schritt.

Am Anfang steht also: „das Gehör schärfen“, eine genauere innere Tonvorstellung entwickeln. Das gelingt den meisten Kindern nicht! Nicht mit Solmisation und erst recht nicht in der weiterführenden Schule, wenn gleich mit dem zweiten Schritt, der Notenschrift, begonnen wird.

Dafür gibt es zwei Gründe:

  1. Diese Schärfung des Gehörs braucht seine Zeit. Wie alles andere auch! Wie oft verwechseln Grundschulkinder noch Zahlen, oder sogar Farben. Auch das „Töne unterscheiden“ muß geübt werden. Aber wie?
  2. Die Kinder lernen unterschiedlich schnell. Das können wir bei traditionellen Unterrichtsmethoden in Musik so gut wie gar nicht berücksichtigen. Denn: ein paar Mal vorsingen, alle singen nach, und dann ist das gelernt – funktioniert nicht.

Das alles wissen wir Pädagogen. Aber wie soll es denn gelingen? Wie können die Kinder individuell ihr Gehör schulen? Wir bräuchten ein Werkzeug,mit dem jedes Kind in seinem Tempo trainieren kann

  • das feedback gibt
  • das erkennbar die Tonbeziehungen mit Tonnamen verbindet.
  • das keine spieltechnischen Fähigkeiten erfordert (wie z.B. das Spielen der Blockflöte)
  • mit dem unmittelbar die „Gehörbildung“ beginnt
  • und mit dem wir über die Solmisation auch im zweiten Schritt zur Notenschrift kommen.

Das Werkzeug gibt es. Es ist die app tabDo (im appstore).

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