Von der Gestalt-Wahrnehmung zur Solmisation

Die Klasse hat in den letzten Monaten die acht Lieder A, B, … H gelernt. Die Lehrerin klatscht den Rhythmus des Liedes G – und schon nach Sekunden gehen die Finger hoch, die Kinder haben aus dem Rhythmus heraus das Lied erkannt. Das scheint nicht schwer zu sein und man muß das auch nicht extra üben.
Wieso können die Kinder das? Die GESTALT der Melodie ist so charakteristisch, daß das Lied allein über die Komponente Rhythmus leicht erkannt wird.
Es ist nicht üblich, dieselbe Übung auch mit der melodischen Komponente zu machen. Warum eigentlich nicht? Die Melodie eines Liedes ist am rhythmuslosen Auf und Ab der Töne ebenso identifizierbar wie am Rhythmus. Summen Sie zur Probe Ich lieb den Frühling in gleich langen Tönen. Strichmännchen

Mit der visuellen Wahrnehmung ist es nicht anders. Ein paar Striche und ein Kreis  – und wir erkennen einen Menschen. An dieser Stelle liegt es nahe, die oben geschilderte Wahrnehmung eines GIch lieb den Frühling Anfanganzen aus Bruchstücken – das Ganze ist das Lied – in Noten darzustellen.

An der Stelle machen wir leider in der Musikpädagogik ständig einen Denkfehler. Die Wahrnehmung der Punkte und Striche, die wir Noten nennen, ist eine visuelle Wahrnehmung, die a priori in keiner Weise auf Musik schließen läßt. Zeigen Sie einem fünfjährigen Kind das Strichmännchen und es wird sofort sagen: ein Mensch. Zeigen Sie demselben Kind dieses hier: MENSCH – und es wird ratlos den Kopf schütteln. Die „Zeichnung“ MENSCH ist ganz beliebig und nur historisch zu erklären. Irgendwann wurden diese Zeichen als Alphabet eingeführt, und es hätten genau so gut kyrillische oder arabische Buchstaben sein können. Daß wir Rhythmus und Tonhöhen graphisch so darstellen, wie wir es darstellen, ist einer nur historisch erklärbaren Entwicklung zu verdanken. Die Notation von Musik muß ebenso wie die Schrift (mühsam) gelernt werden. Die unmittelbare Wahrnehmung dagegen funktioniert mühelos und ohne Anstrengung, weil es eine angeborene Fähigkeit ist.

Die Brücke zwischen unmittelbarer Wahrnehmung und Notenschrift ist die Solmisation. Für den Rhythmus gibt es Rhythmussilben und für die Tonhöhen das bewährte Do Re Mi.

Do Re Mi hat allerdings den Ruf, schwierig zu sein, weil die meisten Kinder es „dann doch nicht können“. Natürlich „können es“ die Kinder nicht, wenn sie im Rahmen der wenigen Musikstunden immer mal wieder damit konfrontiert werden. Es ist wie mit allem, was automatisiert funktionieren soll: lesen, schreiben, Fahrrad fahren – man muß es oft und in kurzen Abständen wiederholen. Dann entstehen „fest verdrahtete“ Automatismen und diese werden dann einsetzbar, ohne darüber nachdenken zu müssen – automatisch eben.
Aber wie soll ein Kind oft (und dann möglichst noch mit Freude) Solmisation üben? Es braucht einen „Kontrolleur“, der ihm signalisieren kann: richtig oder falsch.
Die Lösung heißt tabDo.
Nehmen wir das oben erwähnte Frühlingslied. Die Aufgabe lautet: „wie heißt der Anfang des Liedes in Do Re Mi?“ Das Kind sucht sich auf tabDo die Töne und notiert sie. Das kann es deshalb mühelos, weil es a) sofort hört, ob ein Ton zur Melodie gehört oder nicht und b) weil es ja lesen und schreiben lernt, also ablesen kann, daß die Anfangstöne von Ich lieb den Frühling heißen: Do Do Ti La La, Re Re Do Ti La So. tabdo ist ein Kontrollgerät mit „biofeedback“.
Und weil das Kind in Verbindung mit einer sinnvollen Aufgabe viel probiert → hört → sich selber korrigiert → probiert, wird diese Assoziation der Töne mit den Tonnamen „fest verdrahtet“. So entsteht unmittelbar und erstmal ohne Notenschrift eine Tonvorstellung. Ohne Tonvorstellung aber ist das Erlernen der Notenschrift sinnlos.

Deswegen: Gestaltwahrnehmung (angeboren), tabdo als Werkzeug zur Einführung der Solmisation  – und dann erst und viel später Notenschrift.

 

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