Goethe, die Kinder und die Solmisation

„Es hört doch jeder nur, was er versteht“ sagt Goethe in Maximen und Reflexionen.Was meint er damit?
Akustisch hören wir auch das, was wir nicht verstehen. Aber wenn wir eine Aneinanderreihung von Tönen als Melodie hören, dann haben wir etwas verstanden.
Dieses Verstehen baut sich im Kindesalter über die Kinderlieder auf. Und wenn die Pädagogik daran anknüpfend die Wahrnehmung schärft und schult, dann baut sich  Wissen und Verstehen auf und öffnet unseren „Hörkanal“ für immer wieder neue Aspekte. Was Goethe poetisch sagt, ist von den Kognitionswissenschaften wissenschaftlich bestätigt.

Aufmerksam werden heißt zunächst differenzierter wahrnehmen. Sobald wir Töne differenzierter wahrnehmen, brauchen wir Namen für die Töne. Die Initialzündung dafür sind die Benennungen der Solminsation.

Und wir brauchen pädagogisches Geschick. Wie „verpacken“ wir den Stoff?
Seit Lakoffs „Leben in Metaphern“[1] sind wir dafür sensibilisiert, wie sehr unser Verstehen metaphorisch geprägt ist. Machen wir uns das zu Nutze.

Meine Definition der Melodie für die Kinder lautet: „Melodie ist Lied ohne Text“. Stellen wir uns die Töne als Behälter vor, z.B. Container eines Eisenbahnzuges. Da können wir verschiedenes drauf laden.Do Re Mi Zug

Im Sprachunterricht machen wir die Kinder auf die verschiedenen „Klinger“ aufmerksam und unterscheiden dann die „Selbstlaute“ A E I O U von den „Mitlauten“.
Die Selbstlaute A E I O U können wir auf einer Tonhöhe aussprechen, wir können sie aber auch so singen, z.B. so wie „Alle meine Entchen“ anfängt. Wir packen also die Selbstlaute auf den „Do-Re-Mi-Zug“.

A E I auf Do Re Mi

Und nun fehlt nur noch das für die Kinder so wichtige spielerische Moment.
Nehmen wir doch mal das A vorne weg, packen es auf den letzten Wagen und lassen E I O U nach vorne rutschen. Dann ist das E vorne. Anschließend stellen wir das E nach hinten etc. Da freut sich der noch unbewußte „Mathematikverstand“, denn das sind Permutationen.Permutationen

Und jetzt lassen wir den Zug vorwärts und rückwärts fahren. Das klingt dann so:
A(Do) E (Re) I (Mi)O (Fa) U (So)   –  U (So) O (Fa) I (Mi) E (Re) A (Do)
Dann bepacken wir die Wagen mit E I O U A, dann mit I O U A E.
Oder wir vertauschen mal die Wagen:neue Melodie

Und das alles können die Kinder darstellen: Ein Kind trägt das Schild mit der Aufschrift Do, ein anderes mit dem Buchstaben A etc.

Und dann wird gesungen.

Man kann ein ganzes „Selbstlaut-Lied“ entstehen lassen.
Und der Nebeneffekt (incidental learning) ist: Do Re Mi geht en passant über in eine innere Tonvorstellung und wird Basis für weiteres, denn: „Es hört doch jeder nur, was er versteht“

Das nenne ich: MIT MELODIEN SPIELEN

[1] Georg Lakoff/Mark Johnson: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern. Orginal: „Metaphors We LiveBy“, 1980

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